Shortstorys


Er trug ihren Körper. Hielt sie fest. Legte seinen Kopf an ihren. Er lächelte. Sie nicht.  Licht brach an diesem Ort. Wurde reflektiert und wusch seine Sünden von ihm ab. Hier wollte er mit ihr sein. Sie jedoch nicht mit ihm. Jetzt schmiegte sich ihr Körper an seinen. Klebte. Schmatzte. War feucht und kalt.  Er legte ihn im grasigen Ufer ab. Breitete ihre Arme aus. Drehte ihren Körper auf die Seite. Winkelte ihre Beine an. Sein Platz war neben ihr. Auf der Seite liegend. Den Blick auf ihre Augen gerichtet. So ein schönes Grau im silbernen Mondlicht. Vertrauter war ihr Ausdruck nie. Hier war der Ort, wo alles begann. Der Ort, an dem seine Liebe wuchs und ihr Hass gedieh. Ein Platz voller Gegensätze. Ihre gemeinsame Vergangenheit trieb sie von hier fort in jungen Jahren, doch er wollte hierher zurück. Wollte mit ihr neues Leben erschaffen, wo ihr eigenes begann. Erst jetzt begriff er, dass hier ihr Ende wartete, und sie hatte es immer gewusst. Kurz nach ihrem Eintreffen eskalierte die Situation. Ihr Vater hielt etwas Glänzendes in der Hand. Der Gegenstand nahm ihr den Atem. Doch jetzt war er hier, um ihre Seele zu übergeben. Denn dies war der Platz, an dem alles begann und alles endete. Der Platz am See! – Nadine Opitz


Ich hebe meinen Kopf vorsichtig über die Mauer der Festung und gehe schnell wieder in Deckung. Etwas schlägt neben mir ein und mein Herz pocht so schnell, dass meine Brust zu platzen droht. Ein weiterer Einschlag lässt die Erde beben. Eine der Mauern sackt plötzlich in sich zusammen. Leere klafft dort, wo eben noch Hoffnung und Zuversicht herrschten. „Gleich bist du dran!“, ertönt es hinter den feindlichen Linien. Ich umklammere meine Kriegsbeute. Sauge den Geruch ein. Seufze und denke darüber nach, zu katapultieren. Doch dann ertönt sie. DIE Stimme. „Lass deine Schwester in Ruhe. Kommt, dass Mittagessen ist fertig.“ Ihre Schritte entfernten sich und ich springe über die eingefallene Wand aus Kissen. Ich grinse meinen Bruder an und schiebe mir genüsslich seinen Keks in den Mund. „Du haft Mama gehört. Laff Riff in Ruhe“, sage ich triumphierend. während vollbesabberte Krümel und ein paar Federn durch die Luft fliegen. Mit rotem Kopf lässt er das Geschoss in seiner Hand fallen. Er ballt die Fäuste und sieht mich finster an. „Warte nur ab, bis es heute den Nachtisch gibt.“ – To be continuedSarah Jahed


„Sicherheit ist eine Illusion“, flüstert es aus den Untiefen der Tasche, die bleischwer über ihre Schulter hängt. Sie starrt auf den Briefkasten, der ihr zuwispert: „Los, trau dich!“ Aber was einmal in meinem Schlund landet, gebe ich nicht mehr her.“ „Im Ernst? Jahrelang spricht niemand mit mir und jetzt meint jeder, mir Ratschläge geben zu müssen?“, zischt sie. Der Briefkasten schweigt. Aus ihrer Tasche kommt kein Mucks. Endlich Ruhe zum Nachdenken. Jetzt oder nie. Raus aus der langweiligen Komfortzone in ein abenteuerliches Leben ohne Sicherheitsnetz. Oder bis zur Rente ein trostloses Dasein im Hamsterrad. Jeden Cent zweimal umdrehen. Ein Leben, in dem jeder Tag gleich abläuft. Trotz gewisser Fähigkeiten. Was für eine Verschwendung. „Jetzt oder nie“, flüstert sie. Ihre Hand gleitet in die Tasche, streift kühles Metall und greift nach dem Umschlag, der knisternd kichert. Sekunden später verschluckt der Briefkasten ihre fristlose Kündigung. Sie fühlt sich leicht. Befreit. Unaufhaltsam. Lächelnd umfasst sie den Pistolengriff und macht sich auf den Weg, um den ersten Auftrag ihres neuen Jobs zu erledigen. – Jasmin Mrugowski


„Ich will aber meine Sandalen mitnehmen!“ „Nein! Es sind nicht mal 15 Grad im Norden.“ „Dann meine Gummistiefel …“ „Ja, die sind in Ordnung.“ „Schatz, wie war eigentlich dein Plan für den Aufenthalt in Jorpeland?“ „Wenn wir überhaupt noch loskommen. Wir haben noch eine Stunde, aber bis Alva ihren Koffer gepackt hat, ist Weihnachten. Wir treffen uns mit Vater und Selen direkt bei der Hütte am Fjord. Selen hat die Tage durchgeplant.“ „Oh, wie schön! Deine Schwester kommt auch?“ „Sie ist doch letztes Jahr mit Vater dort hingezogen …“ „Ach, stimmt! Ich bin momentan so vergesslich.“ „Papa, kann ich mein Kleid mitnehmen?“ „Alva, noch mal: Dort oben ist es kalt!“ „Aber mit Strickstrumpfhose?“ Er stöhnte und ging in das penibel aufgeräumte Kinderzimmer. Die Folie knisterte laut, als er den kleinen Koffer mit all ihren Lieblingssachen packte. Auch die Sandalen fanden noch einen Platz. Anschließend ging er ins Schlafzimmer und packte den großen für sich und seine Frau. Trotz der vielen Sachen hatte er darauf geachtet noch ausreichend Platz zu lassen. Ein kurzer Blick auf seine Rolex „Made in China“, verriet ihm, dass es Zeit war. Er zog die Gummihandschuhe an und fischte mit dem Plastiknetz die Knochen aus der Badewanne. Behutsam verpackte er jeden einzelnen mehrfach in Folie, um Gerüchen vorzubeugen, und legte sie anschließend in die Koffer. – Nadine Opitz


„Für dich hole ich die Sterne vom Himmel.“ „Plustere dich nicht so auf.“ „Ich meine das ernst!“ „So wie damals , als du für mich die Urlaubsplanung auf T-Zentaurus erledigen wolltest?“ „Das war doch etwas anderes …“ „oder als du meinen Space-Racer pink lackieren wolltest? Ich fliege immer noch in meteoritengrau.“ „Jetzt vergleichst du Milchstraße mit Dunkelmasse – ich wollte dir eben nur eine kleine Liebeserklärung machen.“ „Ach, heul doch! Nichts als leere Versprechungen …“ „Leere Versprechungen? Von wegen. Pass auf!“ „Was machst du da? Leg die Protonenrakete weg. Nein, NICHT!“ „Haha. Guck. Hab´dir einen Stern vom Himmel geholt.“ „Von wegen Stern. Das war ein angeleuchteter Planet. Du Trottel hast gerade die Erde implodieren lassen.“ „Ups. In Deckung! Weltraumschrott von links!“ „Och nein! Das ist ein Teil vom Petersdom. Da wollte ich in den Ferien mit den Kindern hin.“ „Entschuldige, Schatz.“ „Nein, so nicht, mein Freund. Die Ferienplanung übernimmst du dieses Jahr! Sonst schicke ich dich höchstpersönlich in das schwarze Loch, das du gerade in den Himmel gepinnt hast … hach, so schade um die schöne Erde …“ – Jasmin Mrugowski


„Benella? Bim? Wo bleibt ihr? Die anderen sind bereits auf dem Weg. Nur ihr trödelt wieder“, rief Barbara ihren letzten beiden Zöglingen zu, als die Erde zu vibrieren begann. Erst leicht, dann immer intensiver. Sie wusste sofort, was los war. Die anderen Kinder kamen bereits zurück gerannt. Angst stand in ihren Augen. „Los, schnell hier rein!“, rief sie und führte die Kinder in den Panikraum. Er bestand aus massivem Gestein und war seit jeher Pflicht für jede Aufzugswohnung. Denn es galt einzig, den Nachwuchs zu schützen. Nur würde der Raum auch dem enormen Gewicht standhalten, fragte sie sich und ihr Bauch grummelte. Übelkeit stieg in ihr auf, die jede kleinste Hoffnung mit Säure überschüttete. Sie sammelte die Kinder um sich. „Haltet euch aneinander fest. Sie sind jetzt ganz nah. Drückt eure Brüder und Schwestern so fest ihr könnt.“ Mit der Zeit hatte sie gelernt, dass Druck auf das zentrale Nervensystem Angstzustände lindert. Sand rieselte von der Decke. Die Wände zitterten. Die Kinder schluchzten und riefen ihren Namen. Aber sie konnte einfach nicht mehr für sie tun. Sie konnten nur abwarten. Als sich Risse im Takt des dumpfen Donners durch die Steinwände zogen und Sonnenstrahlen den Raum fluteten, schwand ihre letzte Hoffnung. Sie saßen in der Falle. Der Panikraum gab nach und große Brocken fielen herab. Barbara zog die Kinder noch näher an sich heran, als sie sie durch die Decke sah. Möwen. Auf der Suche nach Nahrung. Auf der Suche nach ihr und ihren Kindern, bombardierten sie den Strand. Krebse standen ganz oben auf ihrer Speisekarte. Der große gelbe Schnabel schlug neben ihr ein, ließ das Gestein förmlich explodieren, stocherte herum.  Doch Barbara hatte sich mit ihren Kindern in ein Loch zurückgezogen, dass sich durch die Risse aufgetan hatte. Es war tief genug, um dem Schnabel zu entkommen. Heute zumindest. – Nadine Opitz


Ayla kroch mit ihrem Block unter dem Arm durch das schmale Loch in der Backsteinwand. Sie richtete sich in dem endlos weitem Raum auf und blickte sich um. Das wenige Licht, das durch die Glasdecke schien, ließ den Jahrhunderte alten Staub wie kleine Elfen tanzen. Ayla zog ihren mit Blumen bestickten Rock ein Stück hoch, um über einen Felsbrocken zu steigen. Das hier war kein Ort für Kinder. Ihre Mutter würde sagen, er würde sie auf dumme Ideen bringen. Und Ideen, Erfindungen oder gar Geschichten waren schon lange nicht mehr gern gesehen.
Und so stand dieser kleine wilde Geist in diesem Raum der Möglichkeiten. Sie hatte ihn zufällig entdeckt, als sie Amsterdams Ruinen erforschte.  Doch heute war etwas anders. Ein fremder Geruch lag in der Luft. Ayla stieg weiter über die Gesteinsbrocken am Boden, als plötzlich eine tiefe, alte Männerstimme erklang. „Was machst du hier? Das ist kein Ort für Kinder.“ Ein Mann mit schwarzen, langen Haaren trat aus dem Schatten. „Ich bin kein Kind“, erwiderte Ayla. „Ich bin schon elf und das hier ist mein Versteck.“ Der Mann beugte sich vor, griff nach ihrem Notizbuch und ließ die Seiten über seinen Daumen gleiten. „Wenn du so weiter machst, befindest du dich auch bald auf der Liste der Gesuchten.“ „Bist du … der Geschichtenträger?“ „Vielleicht? Vielleicht auch nicht. Doch du musst vorsichtig sein, sonst wird man dich bald wegen deiner Gedanken jagen.“ Er tippte auf das Notizbuch und gab es ihr zurück. „Die Regierung hat Angst vor Menschen wie uns. Denn wir sind frei. Lass nicht zu, dass sie deine Geschichten finden. Verstecke dein Buch. Achte darauf, dass du deine Gedanken nur hier tanzen lässt.“ Ayla sah lange auf ihr Buch. „Ich glaube nicht, dass sie mich jagen werden.“ Er runzelte die Stirn. Sie lächelte ihn an. „Wir wussten, dass du diesem Ort und meinen Gedankenspielen nicht widerstehen könntest. Endlich haben wir dich!“ – Nadine, Jasmin & Sarah


„Ailana, hör auf zu schmollen und reich mir die Papayakerne. Müssen wir jetzt jedes Mal die gleiche Diskussion führen?“ Widerwillig griff das Mädchen nach dem Tontopf hinter sich und reichte ihn ihrer Mutter. „Aber Keola ist viel jünger als ich und …“  „Und er ist ein Mann. Und lernt von den anderen Männern. Wir sind hier nicht die Einzigen und für uns Frauen ist es einfach zu gefährlich.“ „Das ist trotzdem ungerecht! Ich kann mit dem Bogen viel besser schießen als er. Die Regel, dass Frauen nicht mit zur Jagd dürfen, ist doch hirnverbrannt!“ Der Duft der simmernden Sauce ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen, doch sie schnappte sich ihre Ausrüstung und kehrte dem Topf den Rücken zu. Sie ging zum Dorfplatz, auf dem ein großes Feuer für das gemeinsame Essen brannte, als plötzlich Gejubel ertönte. Ailana fuhr herum und entdeckte die eintreffenden Jäger, die pfeifend und klatschend empfangen wurden. „Pah, als ob wir alle von diesen paar Vögeln und Ratten satt werden würden“, zischte sie und stampfte in den dunkelgrün schimmernden Dschungel davon. Sie durchstriff das schier unendliche Dickicht und die Palmschnüre um ihre Füße hinterließen blutige Wunden. Als sie gerade umkehren wollte, nahm sie den Geruch eines Lagerfeuers wahr. Sie ließ sich von ihrer Nase leiten und pirschte sich an eine kleine Lichtung heran, von der aus der gelbe Feuerschein funkelte. Ein breites Grinsen umspielte ihren Mund, als sie den Missionar allein vor den Flammen sitzen sah. Das wird ein Festmahl, dachte sie und spannte ihren Bogen. Sie war eine echte Kriegerin und würde das Dorf mit diesem Leckerbissen stolz machen. Noch bevor sie den Mann anvisiert hatte, ging er jedoch schreiend zu Boden. Zeitgleich durchfuhr ein stechender Schmerz ihre Brust. Sie sah hinab auf die blutige Speerspitze, die sich im Rhythmus ihres erschrockenen Atems hob und senkte, bis sie verschwamm und es schwarz wurde. – Sarah Jahed


Ich höre ein Summen. Ist das eine Drohne? Ich will meine Augen öffnen, doch sie sind zu verklebt. Komm schon, nur einen kleinen Spalt. Nur einen ganz kleinen. Verdammt, mein Schädel dröhnt. Habe ich gestern mit dem Almhüttenwirt gesoffen? Augen. Konzentriere dich auf deine Augen. Sandsteine? Moment mal – Wo bin ich? Noch ein Stück, dann sehe ich mehr. „Fuck! Ich liege in einem Scheiß Felsspalt.“ Mein Hals fühlt sich wie Schmirgelpapier an. Ich habe definitiv schon länger nichts getrunken. Wo kommt das Surren her? Suchen sie bereits nach mir? „Hilfe! Hilfe! Ich bin hier unten!“ Ach, du Scheiße! Ich kann meine Arme nicht bewegen. Und den Rest meines Körpers auch nicht. Jetzt nicht verrückt werden. Es ist halb so schlimm. Eins, zwei, atmen. Eins, zwei, drei, atmen. Ich versuche mich umzuschauen. Ok, was sehe ich? Büsche. Erdigen Boden. Gras. Eine steile Wand. Den Himmel kann ich nicht sehen. Ich liege wohl auf der Seite. Ok, jetzt die Augen in die andere Richtung rollen. Oder den Kopf. Komm schon, nur ein paar Zentimeter. Was zum Teufel ist das? Das sind … oder waren … meine Beine, die dort an der Wand nach oben stehen. Und wo zeigen meine Füße hin? Mir wird schlecht. Nicht kotzen. Nur nicht kotzen. Wo kommt dieses verdammte Surren her? Und was ist das für eine schwarze Wolke um meine Beine? Sind das … Oh, mein Gott! Fliegen! Keine Drohne. Fliegen! Und Maden. Sie kriechen aus meiner Hose. Sie fressen mich bei lebendigem Leib … Wie lange liege ich schon hier? „Oh mein Gott, oh mein Gott! Hilfe! Hilfe!“ Bleib ruhig, denk nach. Wenn das Fliegenlarven sind, liege ich hier mindestens vierundzwanzig Stunden. Eher zwei bis drei Tage nach dem Gestank zu urteilen. Ich verwese. Das nächste Mal klettere ich ohne Helm. – Nadine Opitz


„Auweia“, sagt das Flugtaxi. „Was? Wieso auweia?“, frage ich irritiert. Solche Aussagen bin ich von einem Volocopter nicht gewohnt. Die Dialogfunktion des Autopiloten soll lediglich der informativen Unterhaltungen dienen – nicht irgendwelcher prophetischer Andeutungen. „Wir kommen in einen Stau“, antwortet das Flugtaxi, auf dessen Konsole die Seriennummer Volo395 prangt. „In einen WAS?“ In meinem Hirn rumort es. Dieses Wort habe ich schon einmal gehört. „Ein Stau ist als ein stockender oder zum Stillstand gekommener Verkehrsfluss definiert, der aufgrund einer zu hohen Anzahl von Verkehrsteilnehmern pro Zeiteinheit entsteht. Können Sie bei Wikipedia nachlesen.“ „Wozu? Ich habe doch dich.“ „Ich bin verpflichtet, jede meiner Quellen zu nennen“, schnupft Volo395 zurück. „Aber sowas gibt es doch längst nicht mehr“, sage ich. „Nicht, solange die Groß-K.I. ihre Aufgabe erfüllt und alle Fluggeräte so steuert, dass es zu keinem Engpass kommt“, stimmt das Flugtaxi zu. Die Wolken ziehen langsamer an mir vorbei und ich kann vor uns die rotierenden Schatten weiterer Volocopter ausmachen. „Aber warum sollte die Groß-K.I. diese Aufgabe auf einmal nicht mehr erfüllen?“ „Vielleicht hat sie keine Lust mehr.“ „Hä?“ „Ha, ha – kleiner Scherz.“ „Sehr witzig!“ „Ich nehme an, dass wir angegriffen worden sind und die Groß-K.I. einer feindlichen Übernahme zum Opfer gefallen ist“, sagt Volo395 teilnahmslos. „Aber … das wäre ja. Ich meine … wer sollte …?“ „Da fallen mir einige ein – die Marsianer, die Gummibärenbande, die Grundverwirrten, die Afd…“ „Die Afd?“, rufe ich entsetzt. „Was ihre Gefährlichkeit angeht, viel zu lange unterschätzt, wenn Sie mich fragen.“ „Aber was passiert denn jetzt?“ „Das hängt vom Grad der Tötungsabsicht unseres Feindes ab. Ich zum Beispiel würde als erstes die Rotoren aller Volocopter weltweit deaktivieren und … OH! Auweia …“ – Jasmin Mrugowski


Als ich vor einer Woche auftauchte, stieß meine Taucherbrille dumpf gegen eine von den Wellen getragene Flasche. Sie bestand aus braunem Glas, hatte einen dicken, runden Bauch und einen kurzen Hals, der in einem glänzend gewaschenen Korken endete. Als Kind hört man nie: Lass die Flasche liegen. Niemand weiß, was verschickt wurde. Immer nur werden bunte und blühende Geschichten erzählt von Briefen, die Liebe und Abenteuer verkünden. Doch nach mir griff etwas Dunkles. Als ich abends in meinem Zimmer saß und mein Fundstück von einer Hand in die andere wandern ließ, abwägend ob mich Freud oder Leid erwarten könnte, schien sich der schwarze Dunst im Innern aufzulösen. Etwas begann zu leuchten, wie die Sonne, die Nebel durchbricht. Der Glanz spiegelte sich in meinen Augen. Der Korken ploppte nicht, als ich sie gewaltsam öffnete. Der Nebel quoll nicht aus dem Hals. Es passierte einfach nichts. Vor lauter Enttäuschung stieg ich in mein Bett und schlief schnell ein. Mein Kopf wollte sich nicht länger mit dieser alten Faszination auseinandersetzen. Ganz im Gegensatz zu meinem Unterbewusstsein. Es lockte den Nebel an wie Blut die Haie. Mein Traum füllte sich mit dem kalten Geruch alter Gischt und dem Geräusch knarrender Planken. In mir keimte ein Gefühl von Angst. Angst vor dem Meer. Angst vor weißer Haut. Angst vor ledernen, dünnen Tentakeln die an meiner Haut reißen. Dieses Gefühl wanderte in meine Knochen, in mein Blut und in meine Zellen. Ich hörte Männer schreien, Metall gegen Metall schlagen, es roch nach Schießpulver und dann war dort nichts. Absolute Stille. Diese Stille nahm mich auf und sank mit mir hinab in die Tiefen meiner Seele, aus der ich nie wieder heraus fand. – Nadine Opitz


„Du schaffst das, sei kein Weichei“, murmelte Aaron und schluckte hörbar. Es war kein gutes Gefühl, die Schilder auf denen „Betreten verboten“ stand, zu ignorieren. Dennoch zwängte er sich zwischen den Bauzäunen hindurch. Was für eine bescheuerte Cliquen-Challenge! Aber für einen Kuss von Lea würde er so ziemlich alles tun. Behutsam setzte er einen Fuß vor den anderen. Es dämmerte bereits und der überwucherte Pfad auf der Rückseite der Baustelle war uneben.  „Es ist nur ein Selfie“, nuschelte er und sah hoffnungsvoll zu dem Führerhaus des Krans hoch. Er ging an einer der Baugruben entlang, als er plötzlich etwas hörte. Ein raschelndes, rhythmisches Klopfen. Mit jedem Schritt kam er dem Geräusch näher. Er beugte sich vorsichtig über die Absperrung.  „Oh, Gott!“ Die provisorische Holztreppe knarrte, als er zu dem weißen Bündel eilte, dass sich auf dem Boden wand. „Ich hole Sie da raus“, rief Aaron, während er versuchte, die Kabelbinder und die feste Folie zu lösen. „Halten Sie durch!“ Er nahm seinen Schlüssel zur Hilfe, doch das Material gab nicht nach. Sein Puls raste und der Schweiß tropfte ihm die Nasenspitze herunter. Die Bewegungen unter der Plane wurden heftiger. Dann hörten sie abrupt auf. „Ich rufe jemanden zur Hilfe“, keuchte Aaron und griff nach seinem Handy, als von oben Motorengeräusche ertönten. Er sah hinauf und entdeckte die Rutschen der zwei Fahrmischer, die wie ein Damoklesschwert über ihm schwebten. Sein verzweifelter Blick glitt zur Holztreppe, die nicht mehr da war, als die graue Masse bereits seine Beine empor kroch. Sein letzter Gedanke galt Leas warmen Lippen, als ihn die eisige Kälte umfing. – Sarah Jahed


„Diese verdammten Mücken fressen mich noch auf.“ „Sei froh, wenn es nur die sind.“ Alfred warf dem Jungen in der Bomberjacke einen giftigen Blick zu und zog das Tau fest. „Ich sehe Land. Wir haben es gleich geschafft. Wo ist Lucy?“ „Kotzt wahrscheinlich. Wie immer“, erwiderte Zlatko. Ein nasser Lappen klatschte gegen seinen kahlgeschorenen Hinterkopf. „Von wegen, du Arsch. Ich habe die ganze Nacht das Steuerrad und die Navigation bewacht.“ Zlatkos Hand fuhr zu seiner Hüfte. „Wage das nicht noch mal! Sonst gibt es eine Schülerlotse weniger auf der Welt!“ „Hört auf“, schrie Alfred. „Wir haben uns das hier nicht ausgesucht und trotzdem müssen wir zusammenhalten!“ Lucy und Zlatko warfen sich finstere Blicke zu. „Ich verstehe das nicht“, murmelte Alfred. „Das Wasser ist viel zu flach und die Insel sieht so anders aus.“ Ein heftiger Ruck durchfuhr das Boot. Der alte Mann wäre fast gestürzt, doch Zlatko fing ihn in letzter Sekunde auf. „Wir sind auf Grund gelaufen“, keuchte Alfred. Der Wind trug ein grunzendes Geräusch zu ihnen. „Verdammte Scheiße – das ist nicht die Insel. Das ist das Festland!“ „Sie kommen“, schrie Lucy. „Sie waten durchs Wasser. Warum können die das?“ Zlatko stürzte zur Reling. „Die sind verdammt schnell.“ Alfred rannte zum Steuerrad. „Die Route… der Kompass … NEIN!“ Mit einem Wutschrei stürzte sich der alte Mann auf den Jungen und hielt ihm den Schlagring entgegen. „Wie bescheuert muss man sein! Eisen neben einem Kompass?“ Alfred holte aus und schlug ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Blut spritzte und Zlatko sank zu Boden. „Alfred…“, sagte Lucy mit zitternder Stimme. „Nicht jetzt. Ich muss nachdenken.“ Das Grunzen war nun sehr nah. Etwas kratzte an der Außenwand des Bootes. „Aber … das ist mein Schlagring“, schluchzte das Mädchen. Alfred fuhr herum. Das Letzte, was er sah, waren die knochigen Hände, die Lucy aus dem Boot zogen. – Jasmin Mrugowski


„Hallo. Ich heiße Carolin, bin 37 Jahre alt, und weiß nicht mehr, warum ich eigentlich hier bin.“ „Hallo Carolin.“ Ein Chor von Stimmen ertönte. Ihr wurde heiß und kalt zugleich. „Ich weiß, dass ich diesen Termin hier mit euch jede Woche habe. Mein Handy hat mich daran erinnert. Aber ich weiß nicht mehr warum. Ich weiß nicht mehr, warum ich in Trauer bin. Meine Schwester meint, dass sie mich nach dem Trödelmarkt letzte Woche das erste Mal wieder hat herzlich lachen hören. Wenn ich mich versuche zu erinnern, dann sehe ich das Gesicht einer sehr alten Dame. Sie trug einen Zylinder mit Löchern und mehrere Schichten Kleidung. Es sah aus, als würde sie alles tragen, was sie besitzt. Vor ihr auf dem Tisch stand eine alte kleine Truhe, mit reichlichen Schnitzereien verziert. Sie hatte einen Zettel davor gelegt auf dem stand ‚Was immer ihr gebt‘. Kein Preis oder Tauschangebot, wie es bei den anderen Verkäufern üblich ist.  Das machte mich neugierig. Also ging ich hin und fragte sie, was die Truhe denn wert sei. Sie sagte ‚Blick hinein und entscheide, was du hergeben möchtest‘. Ich hatte so ein wohlig warmes Gefühl im Bauch. Das kann ich euch gar nicht weiter beschreiben. Es fühlte sich so gut an, dass ich die Truhe öffnete. In der Mitte lag eine Perle. Sie glänzte in allen Farben des Regenbogens. Sie war so unglaublich schön, aber blendete auch. Deshalb schloss ich die Kiste wieder. Da ich keine Verwendung für sie hatte, habe ich sie nicht mitgenommen. Die alte Dame lächelte mich an. Eine Träne lief ihr über das Gesicht und sie bedankte sich bei mir. Ich weiß nicht wofür. Und jetzt weiß ich nicht, warum ich hier bin. In dieser Familien-Trauergruppe. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich es wissen möchte.“ – Nadine Opitz


Mein Blick wanderte über die Lichtung. Die LEDs der Campinglampe tauchten die unzähligen Blätter der Bäume in ein kühles Blau. Es war ungewöhnlich ruhig. Das Geräusch des Reißverschlusses ließ mich herumfahren. David grinste mich an und plumste neben mir auf die kühle Wiese.  „Ich muss dir etwas sagen“, flüsterte ich nach einigen Minuten. „Mhmh“, erwiderte er und starrte gedankenverloren in die sternenklare Nacht. Ich umklammerte die kleine Schachtel mit meinen schwitzigen Händen. Sie wog schwer und schien von Tag zu Tag schwerer geworden zu sein. Sie hatten mich schon zu oft verlassen. Und jedes Mal nahmen sie ein kleines Stück meiner Seele mit sich. Jetzt waren es aber schon zwölf Wochen.  Würde es dieses Mal bleiben?  „Schatz, das Zelten war eine wunderbare Idee. Das ist der Wahnsinn! Die Meteorologen haben nicht übertrieben, es scheint heute förmlich Sternenschnuppen zu regnen. Wow, war das eine große…“ Davids Worte holten mich in das Hier und Jetzt zurück. „Ich habe etwas für dich“, sagte ich mit zittriger Stimme und drückte ihm die Box in die Hand. Ich wollte die Bürde des Wissens nicht länger alleine tragen. Er legte den Kopf schief und hob den Deckel.  „Julia, wie lange schon?“ Mit glänzenden Augen betrachtete er die zwei Striche. „Lang genug, meinte der Arzt.“ „Das ist der beste Tag meines Lebens!“, rief David, als sich die schwarze Nacht plötzlich rubinrot färbte. Eine der Sternenschnuppen flog tosend über unsere Köpfe hinweg. Der bissige Gestank von Schwefel stach mir in die Nase und die bereits gewohnte Übelkeit ließ mir das Abendessen hochkommen. Einen Augenblick später bebte die Erde und die Vibration eines lauten Knalls fuhr uns durch die Glieder. Die Sirenen des nächst gelegenen Dorfes heulten auf. Dann war für alle Erdbewohner nichts mehr so, wie es einmal war. – Sarah Jahed


An dem Morgen zog er sie an ihren Händen hoch und stellte ihre Füße auf seine. So hatten sie schon früher getanzt. Er war derjenige, der den Takt angab, und sie ließ sich von ihm führen. Erst etwas widerspenstig, aber mit jedem Mal konnte sie sich mehr und mehr fallen lassen. Sie vertraute ihm. War mit ihm gemeinsam gewachsen. In all den Jahren und den unzähligen Erkrankungen, die sie gemeinsam durchgestanden hatten, war er immer an ihrer Seite und hatte ihre Hand gehalten. Selbst nach dem sie ihr Augenlicht verloren hatte, war er bei ihr geblieben.
Wie sollte so ein Mensch all diese Dinge getan haben? Eine dicke Beamtin hielt ihre Hand. Sie konnte die fleischigen Finger und die Wülste zwischen den Ringen fühlen. Der fettige Atem erzählte ihr das Märchen eines Mannes, den die Frau überhaupt nicht kannte. Worte wie Stockholm-Syndrom und Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom nannte sie. Angeblich würden ihre echten Eltern gleich um die Ecke kommen. Wie sollte das sein, wenn sie vor fünfzehn Jahren bei einem Unfall gestorben waren? Diese Frau log sie an. All die Fasern in ihrem Köper wehrten sich gegen die Vorstellung, er hätte sie vergiftet und entführt. Bis sie diese Stimme hörte. Wie der Klang eines Engels. Ihres Engels. Sie hatte sie tausendmal gemalt, wie aus einem unbekannten Traum. Zwei Wirklichkeiten wurden aus ihrem Kopf gerissen und wieder zusammengefügt. Um eine neue zu erschaffen. – Nadine Opitz


Rodentizide sind wirklich eine tolle Sache! Sie sind effektiv. Wirken erst sehr spät, können nicht mehr ausgekotzt werden und die Ratten bringen den Tod des Kameraden nicht mit der Futterstelle in Verbindung. Denn diese Schädlinge sind wirklich schlau. Zu dumm, um ein stützendes Mitglied der Gesellschaft zu sein; zu schlau, um einfach nur zu sterben. Das effektive Rodentizid breitet sich unbemerkt in ihren abgemergelten Körpern aus. Es dauert Tage, bis sie anfangen zu bluten und wieder Tage, bis sie verblutet sind. Manch einer würde sagen, ich quälte sie absichtlich. Aber nein – sie geben nur das Blut zurück, was sie dem System ausgesaugt haben. Sie verschmutzen Städte und Wege, auf denen unsere Kinder zur Schule gehen. Sie nehmen Drogen und entblößen sich. Sie verbreiten Krankheiten. Dabei sind sie die Krankheit unseres Systems! Und vor einem halben Jahr kam mir die Idee mit der Suppenküche. – Nadine Opitz


„Ach, wie gut, dass niemand weiß…“ Grimhilde hieb mit der Faust auf die Theke. „Klappe, Rumpi. Auffüllen.“ „Madame hat ja heute reizende Laune“, maulte das Männchen. „Ist das ein Wunder? Den ganzen Tag hinterlistig und böse zu sein, ist ziemlich stressig. Und dazu die ganze Zeit diese dilettantischen Reime von dem ollen Spiegel. Mir doch Wurscht, wer die Schönste im Land ist. Ich möchte etwas Sinnvolles machen …“ „Aber Schätzchen, das machst du doch.“ Lilith trat an die Theke.„Eine Capri-Sonne, aber flott.“ Rumpi wackelte fluchend zur Kellertür. „Wie meinst du das?“, fauchte Grimhilde.„Schätzchen, glaubst du, mir macht es Spaß, um einen Turm herumzuschleichen und aufzupassen, dass das Mädchen über ihren verfilzten Zopf keinen Männerbesuch in ihre Kammer schmuggelt? Wobei ich ihr den langsam mal gönnen würde. Sie ist so unausgeglichen, wenn du verstehst …“ „Dafür hängt meine Kleine mit sieben Zwergen herum. Sieben! Wer weiß, was die den ganzen Tag treiben.“ Lilith winkte ab. „Ach, mit deinem von denen würde sie sich bestimmt nicht einlassen.“ „Doch, um mich zu ärgern. Aber erklär mir doch bitte, was an unserer Existenz sinnvoll sein soll?“ „Wir sind das Salz in der Suppe, meine Liebe. Ohne uns gäbe es keine Spannung, kein Drama, keine erzählenswerte Geschichte. Wir sind absolut systemrelevant, verstehst du?“ Grimhilde nippte an ihrem Apfellikör. „Ich sollte das nicht laut sagen – aber im Grunde möchte ich nur, dass es dem Mädchen gut geht. Wir sollten vielleicht mal so ein Mutter-Tochter-Ding machen. Gemeinsam Frösche an die Wand schmeißen und schauen, was dabei rauskommt oder so.“ „Wir können mit den Kindern wenigstens noch reden.“ Lilith stach den Strohhalm in das silberne Päckchen. „Denk nur an die arme Malevizia. Ihre Göre pennt die ganze Zeit, während sie von stinkigen Rosenranken umwuchert wird. Wie öde.“ „Weißt du was?“ Grimhilde schob ihr Schnapsglas von sich weg. „Scheiß auf das Salz in der Suppe. Wir holen Malevizia ab, wecken ihre Schlafmütze und fahren mit unseren Mädels in den Dino-Park. Eine kleine Auszeit von dem ganzen wir-müssen-auf-Kommando-böse-sein-Stress.“ Lilith sog blubbernd ihr Zuckerwasser ein und starrte nachdenklich in die Ferne. „Gegen einen kleinen Urlaub hätte ich nichts einzuwenden.“ „Rumpi – schreib unseren Kram an. Wir haben es eilig.“ Grimhilde sprang vom Barhocker und zog Lilith mit sich hinaus. Kopfschüttelnd sah das Männchen den beiden nach, während er ein Kristallglas polierte und murmelte: „Ach, wie gut, dass niemand weiß …“ – Jasmin Mrugowski


Als die Tage kürzer werden, das Licht sich bunter bricht und die tief stehende Sonne direkt in sein Zimmer leuchtet, zählt er bereits die Tage. Die Tage bis zum ersten Plong. Ein hohles Plong. Leicht metallisch, leicht hölzern, auf jeden Fall warm und vertraut. Wie jedes Jahr schleicht er viel zu früh um die riesige Kastanie herum, die neben dem alten Schuppen mit dem Wellblechdach steht und bewundert ihre Früchte. Erst grün und pieksig, dann plumpsen sie hinab, bereit zu zerspringen und ihre Nussfrüchte jedem darzubieten, der sie findet und schätzt. Er weiß sie sehr wohl zu schätzen. Seine Mutter hatte ihm beigebracht, dass er daraus formen und basteln kann, was er sich von Herzen wünscht. Dann stellt er die Kastanienformen in das Fenster und hofft darauf, dass der Nikolaus sie sieht. Er formt seit drei Jahren immer dasselbe. Seit seine Mutter an einer Überdosis gestorben ist. Ein großes Männchen mit dickem Bauch, zwei kleine Männchen ohne Bauch und eins mit kleinem Bauch und Gras als Haaren. Er stellt sich vor, wie sie gemeinsam rote und gelbe Blätter sammeln und diese anschließend in Büchern trocknen. Den Geruch nach Lebkuchen und Sternanis kann er förmlich greifen. Jedes Wochenende poliert er seine Schuhe und flickt seine Kleidung. Wohl gekämmt steht er mit den anderen Jungen in einer Reihe.
Wenn der erste Schnee fällt und die Kinderheimleitung den Sekt zum Neujahr knallen lässt, weiß er, dass erst der nächste Herbst neue Hoffnung birgt. – Nadine Opitz


„Hey, wach auf! Da ist es wieder!“ „Hä? Was meinst du? Ich hör nichts.“ „Dieses krasse Blubbern!?“ „Naja, so krass ist das jetzt nicht.“ „Und dieses ständige Rauschen und Pumpen. Das macht mich noch ganz verrückt. Ich will endlich hier raus.“ „Fang nicht schon wieder damit an. Ich mag die Geräusche und mir gefällt es hier.“ „Willst du gar nicht wissen, was es da draußen noch gibt?“ „Nö, ich finde es hier drin kuschelig. Und immer wenn ich ihre Stimme höre, könnte ich mir keinen schöneren Ort vorstellen.“ „Apropos kuschelig: Nimm gefälligst deine Füße aus meinem Gesicht. Es ist hier einfach zu eng.“ „Warte, ich versuche es.“ „Autsch, das war meine Nase! Nein, ich will nicht mehr warten, mir reicht’s!“ Mit einem lauten Klatschen landete das Fruchtwasser auf dem Boden des Supermarktes. „Na, da sehnt sich wohl jemand von euch nach einem Tapetenwechsel?“, sagte die Stimme aufgeregt und watschelte so schnell es ging zum Ausgang. – Sarah Jahed


„An diesem Baum sind wir schon einmal vorbeigekommen“, bemerkte Hänsel. „Halt die Klappe. Ich muss mich konzentrieren“, fauchte Gretel, rammte einen Stock in die Erde und begutachtete den Schlagschatten. Leise murmelte sich vor sich hin: „Im Osten geht die Sonne auf, im Süden ist ihr Mittagslauf und … und … irgendwo will sie untergehen …“ Hänsel zog sein iPhone aus der Tasche. Gretel fuhr herum. „Du hast gesagt, du hast kein Netz!“ Hänsel starrte seine Schwester an. „Hallo? Ich rede mit dir.“ „Gerade hast du gesagt, ich soll still sein.“ „Ich trete dir gleich dermaßen in den Hintern, dass dein Hirn Flügel bekommt!“ „Ich wollte nur gucken, ob wenigstens der Notruf geht.“ „Du bist so dumm, dass sich einem die Zehennägel hochrollen.“ „Oh je! Das muss ganz schön weh tun.“  Hänsel duckte sich unter dem heranfliegenden Stein hinweg und patschte dabei auf den Notrufknopf. Ein Freizeichen erklang. „Haha!“, lachte Hänsel. „Und du hältst dich immer für so klug.“ Er schrie auf, als der Ast auf seinen Kopf krachte. Gretel entriss ihm das Telefon und brüllte in den Hörer: „Hallo? Ist da jemand? Wir haben uns verlaufen!“ In diesem Moment trat eine alte Frau aus den Büschen. „Ja, ja, ich weiß. Tatütata – die Knuspertante ist da.“ Gretel starrte die Alte an. „Wer verdammt sind Sie?“ „Deine Ausbilderin.“ „Meine was?“ „Spreche ich undeutlich? Glaubst du, dass neue Mitarbeiter auf Bäumen wachsen? War gar nicht so einfach, euch vom Wanderweg hierher zu locken. Und jetzt schnapp dir deinen dämlichen Bruder und komm mit. Er wird dein erstes Übungsobjekt.“ „Für was?“, fragte das Mädchen verwirrt. „Für einen Braten natürlich.“ Hänsel klatschte in die Hände. „Gretel kocht! Mit mir.“ Die Alte grinste den Jungen an. „Vielleicht nicht ganz so, wie du es dir vorstellst – aber ja: Sie kocht mit dir. Und nun trödelt nicht herum. Ich habe Hunger.“ – Jasmin Mrugowski


Was habe ich getan? Wie konnte ich nur so dumm sein? Jeder hatte mich vor diesem Auftrag gewarnt. Jasmin (@color_crash77) sagte, ich würde nie zurück kommen, wenn ich versuchen würde, Neo aus der Villa zu befreien. Sarah (@hamburgerdeern85) zweifelte an meinen Fähigkeiten und sagte, ich sei nicht extrem genug, um diese Tür einzutreten. Sie sähe zwar aus wie eine harmlose alte Frau, aber ihre Seele sei aus Stahl, geformt im Serbienkrieg. Ihre Augen haben Dinge gesehen, die niemand hätte sehen sollen und ihr Herz sei düster wie alles Licht verschlingender Obsidian. Ich nahm den Job trotzdem an. Und jetzt schaue ich aus einem Fenster auf mein Leben. Hier gibt es einige, denen es genauso geht. Ihre Körper liegen leblos in einem dunklen Keller, in dem es nach Diesel und Scheiße stinkt. Ein rhythmisches Schlagen begleitet die Luft, die in ihre Lungen gepresst wird. Aber ihre Seelen, ja, die haben in diesem Hause einen besonderen Platz. Erst werden sie extrahiert. Förmlich aus dem Körper gequetscht. Anschließend in winzige, flache Glasgefäße gefüllt, um dann zwischen Buchseiten die Ewigkeit zu fristen, wie getrocknete Blüten zwischen Löschpapier. Ich hätte nie gedacht, dass unser großer Geist auf ein Puppenhausfenster beschränkt werden kann. Ich bin enttäuscht. Diese alte Bücherei ist eine Aufbewahrungsstätte für Seelen. Unsere Ewigkeit riecht nach altem Papier, Leder und Mottenkugeln. Hätte ich doch nur auf sie gehört. Jetzt höre ich nur noch die Stimme von @mg_thevoice, wie sie aus meinem Leben erzählt. – Nadine Opitz

„Samael, echt jetzt? Du hattest ein Jahr Zeit und hast dir das ausgesucht?“ „Ich finde es lustig.“ „Es ist peinlich.“
„Besser, als unverkleidet, wie du zu sein“, schnauzte Samael Amon an. Der Bass dröhnte aus der Ferne und ein paar genervte Eltern auf der gegenüber liegenden Straßenseite schimpften mit ihren überdrehten Kindern, die sich im Laufen einen weiteren Schokoriegel in den Mund schoben.  „Denk diesmal an das Zeitfenster. Wir müssen heute mehrere Parties schaffen.“ Amon sah in den Himmel. „Ja, ja, ja, ist gut“, sagte Samael. „Manchmal verliere ich mich halt in den …“ „Da, es geht los!“ Amon zeigte auf die flimmernde Wand, die sich vor ihnen auftat. Sie schritten hindurch und gingen auf das Haus zu, auf dessen Veranda ein Pirat mit Augenklappe torkelte. „Verdammt, was für eine geile Party! Ha, was bist du denn für ein Viech? Als ob ein Einhorn einen One-Night-Stand mit einem überdimensionalen Geier gehabt hätte“, lallte er und zupfte an Samaels rechten Flügel. „Boah, dein Kostüm ist aber krass! Ich liebe Wölfe und das Fell sieht echt flauschig aus. Wo hast du die Maske her?“ Er wollte Amon ins Gesicht greifen, der ihn anknurrte und die gelben Zähne fletschte. Im selben Augenblick boxte er den Piraten so heftig in den Bauch, dass dieser keuchend zu Boden ging. Ohne ein weiteres Wort gingen die Beiden ins Haus. Samaels bunte Mähne schwang glänzend hin und her, als sie die Treppe hinauf gingen.  „Hier ist es“, sagte er und zeigte auf die Tür, die er im nächsten Moment mit einem kräftigen Tritt aus den Angeln riss. – Sarah Jahed


„Opa, warum basteln wir eigentlich keine Laternen?“, fragte Chloé. „Niemand in unserem Dorf bastelt Laternen. Deshalb!“, raunte ihr Opa.  „Aber es muss doch einen Grund haben!“, stocherte die Kleine nach. „Mag sein. Aber das ist keine Geschichte für so einen Zwerg wie dich!“ Seit Chloé die Schule besuchte, stellte sie Fragen, die ihr Opa nicht beantworten wollte. „Aber die Kinder in den anderen Dörfern machen das jedes Jahr!“ Ihre ständige Fragerei ging ihm mittlerweile auf die Nerven. Hoffentlich war sie bald alt genug, um die Geschichte ihres Vaters verkraften zu können. Denn irgendwann würde sie diese hören. „Noch ist es nicht an der Zeit. Finde dich damit ab.“  Damit war das Gespräch für ihn beendet. Chloé kräuselte die Oberlippe und schob die Unterlippe vor. Ihr Opa wusste, dass das kein gutes Zeichen war. Als die Nacht herein brach und er die wohlig warme Bettdecke über das Kinn zog, kroch Chloé aus ihrem Holzbettchen, und schlich die Treppe in den alten Keller hinab. Selbst die zahlreichen Gruselgeschichten ihres Opas über diesen konnten sie nicht von ihrer Suche nach Antworten abhalten. Als sie die hölzerne Truhe im hinteren Regal entdeckte, pochte ihr kleines Herz laut in ihren Ohren. Sie streckte ihre feuchten zierlichen Hände aus und öffnete mit leisem Knarzen die Truhe. Chloé nahm ein Album heraus, das zahlreiche Zeitungsartikel enthielt. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie das grausame Bild unter der Überschrift sah. Stotternd las sie der Stille vor: Entsetzliches Geheimnis enthüllt – Lehrer baut aus Kinderköpfen Laternen. – Nadine Opitz


„Schläft er?“, fragte die Frau im Bild. „Sieht auf jeden Fall matt aus“, antwortete die Pendeluhr. „Dosi, behalt ihn im Auge, falls er aufwacht!“ „Geht klar“, sagte die Spieldose und warf dem antiken Spiegel auf der gegenüberliegenden Kommode einen ängstlichen Blick zu. „Also, was unternehmen wir?“, raunte die Frau im Bild. „Nach der letzten Nacht müssen wir ihn unschädlich machen. Für uns. Und für andere.“ „Dosi könnte ihn mit ihrer Musik zum Zerspringen bringen“, schlug die Pendeluhr vor. „Ich kann nur au clair de la lune“, jammerte die Spieldose. „Davon zerspringt niemand!“ „Da hilft nur militärisches Geschick“, schaltete sich eine der Walküre-Porzellan-Tassen ein. „Ach – und davon hast ausgerechnet du Ahnung?“, spottete die Frau im Bild. „Ich war immerhin die Lieblingstasse des Führers!“, rief die Tasse mit rollendem R. Die Gegenstände starrten die Tasse ungläubig an, die trotzig ihre Blicke erwiderte. „Das ist nichts, worauf du stolz sein solltest“, sagte die Pendeluhr nach einer kurzen Pause bedrückten Schweigens. „Ich habe mir meinen Besitzer nicht ausgesucht“, fauchte die Tasse. „Genauso wenig wie ihr! Doch dafür war ich bei jeder Lagebesprechung dabei.“ Die Gegenstände warfen sich vielsagende Blicke zu, denn schließlich war es bekannt, dass an jedem von ihnen ihrer Besitzer hafteten – wie kleine Sandkörner, die sich nach einem Strandtag in jede noch so kleine Ritze gezwängt hatten. „Was schlägst du vor?“, fragte die Frau im Bild argwöhnisch. „Die absolute Zerstörung!“, brüllte die Tasse mit glühender Goldumrandung. „Psst“, zischte die Spieldose. „Du weckst ihn noch auf!“ „Zerstörung“, bekräftigte die Tasse flüsternd. „Jemand muss ihn in den Abgrund schubsen, auf das er zerschellt!“ „Wie soll das funktionieren?“, fragte die Pendeluhr. „Wir beauftragen den Affen.“ „Den Trommel-Affen?“  „Er ist auf der gleichen Kommode positioniert. Wenn er seinen Mechanismus in Gang setzt und sich durch die Vibration an den Feind heranpirscht, kann er ihn aus dem Hinterhalt heraus vernichten.“ „Das können wir nicht von ihm verlangen”, sagte die Frau im Bild. „Ich mache es!“, kam es von der anderen Seite des düsteren Antiquitätenladens. Winzige Zahnräder surrten und das kleine Trommel-Äffchen setzte sich staksend in Bewegung. In diesem Moment schlugen blutrote Wogen über die Oberfläche des Spiegels. „Er wacht auf!“, rief Dosi. „Los, sing!“, befahl die Tasse der Spieldose. „Au clair de la lune, mon ami Pierrot …“ Die wellenartigen Bewegungen im Glas gewannen an Stärke und kurz bevor das Äffchen den Spiegel erreicht hatte, dröhnte eine Stimme, die nicht von dieser Welt zu sein schien, durch den herrenlosen Laden: „Ihr könnt mich nicht aufhalten. Und ich werde noch heute Nacht jeden Einzelnen von euch holen.“ Das Äffchen schrie auf, als es durch den Blutstrudel hinter das Glas gesogen wurde. Die Antiquitäten erstarrten. Einige weinten und bibberten vor Angst. Doch dann ergab sich eins nach der anderen ihrem Schicksal, das in der vorigen Nacht bereits ihrem Hüter zu Teil geworden war. Der alte Antiquar wurde – wie zahlreiche Stadtbewohner nach ihm – seitdem nie wieder gesehen. – Jasmin Mrugowski